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Bis zu 706 km Reichweite: Erste Ausfahrt mit dem Polestar 3 LRSM!

Das 4,9 Meter lange Luxus-SUV Polestar 3 wird dank großer Batterie und Verzicht auf einen zweiten Motor zum Langstreckenläufer. So gut fährt sich der in China sowie Amerika gefertigte Schweden-Stromer!

Polestar 3 Long Range Single Motor: Für die Langstrecke!

Europäische OEM (engl. Original Equipment Manufacturer, z. Dt. Fahrzeughersteller) und Fahrzeugzulieferer haben es aktuell schwer wie nie. Die allgemeine Kaufkraft und -bereitschaft sinkt, die Amerikaner belegen uns mit Zöllen, während chinesische Hersteller lautstark ins Abendland drängen und parallel verliert deutsche Qualität in Asien zunehmend an Stellenwert. Sprich: Die Automobilbranche ist gerade gebeutelt wie noch nie, der Export nach USA ist teuer und der nach China bricht gerade zusammen. In diesem Tohuwabohu buhlt die rein elektrische Marke Polestar seit geraumer Zeit um Kundschaft, scheiterte, meiner Meinung nach, bislang jedoch am starken Konkurrenten aus Kalifornien. Da deren fragwürdiger CEO gerade sein eigenes Grab schaufelt und zahlreiche Kunden der Marke den Rücken kehren, spielt dies allen Herstellern gut in die Karten. So auch der Volvo- und Geely-Tochter, die 2017 zu einem eigenständigen Unternehmen wurde und deren stetig wachsendes Elektroangebot schon mehrmals im autofilou-Test ihre Alltagstauglichkeit unter Beweis stellten. Neben einigen neuen Modellen (der Polestar 5, ein 5-Meter-Performance-GT, steht in den Startlöchern und am Polestar 7, einem Kompakt-SUV, wird ebenfalls bereits gearbeitet) werden auch aktuelle Modelle dank breiterer Antriebspaletten für die Masse interessanter.

−1 Motor und minus Luftfahrwerk = −7.000 Euro

So nun auch beim Polestar 3, den es grundsätzlich bereits seit einem Jahr gibt. Doch bislang nur mit Allradantrieb. Als Polestar 3 LRSM, Long Range Single Motor, also mit großer 111 kW Batterie (107 kWh nutzbar) und einer 299 PS starken, permanenterregten Synchronmaschine (PSM) an der Hinterachse, wird er mit bis zu 706 Kilometern Reichweite nach WLTP zum Langstreckenläufer. Übertrumpft seinen Allrad-Bruder damit um bis zu 70 Kilometer und ist gleichzeitig um 7.000 Euro günstiger in der Anschaffung, weil kurzerhand auch das Luftfahrwerk und das aktives Sperrdifferenzial an der Hinterachse rausfliegen.

So fährt sich der Polestar 3 LRSM

Klingt erstmal nach einem Rückschritt. Doch weil damit auch 176 Kilogramm aus dem großen SUV fliegen, fährt sich der Hecktriebler meiner Meinung nach deutlich agiler als der Allradler. Klar, nicht in der Längsbeschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h. Hier stehen glatte fünf Sekunden jenen 7,8 Sekunden des Polestar 3 LRSM gegenüber. Doch auf der Bremse und beim Kurvenverhalten überzeugt mich die Heckantriebsvariante im direkten Vergleich deutlich. Das lenkt super direkt ein, wankt kaum und haftet auch in flott gefahrenen Kurven wie ein Kaugummi im Haar. Serienmäßig sind 20-Zöller mit 255 bzw. 285 mm breiten Reifen montiert. Der Testwagen stand auf den optionalen 21-Zöllern (im 2.200 € teuren Pro-Paket enthalten), die vorne eine Breite von 265 und hinten von 295 mm aufweisen. Gut, Gewichtseinsparung hin oder her, 2,45 Tonnen Leergewicht (nach DIN laut Zulassungsschein) müssen entsprechend getragen, geführt und gebremst werden. Immerhin sind Michelin Pilot Sport EV mit der Kraftstoffeffizienzklasse A aufgezogen, die es schon ab 230 Euro pro Stück im freien Handel gibt.

Apropos Kraftstoffeffizienz: Auf meiner dreistündigen, 213 Kilometer langen Testrunde, bei herrlichen 30 °C Außentemperatur, kam ich auf einen gemischten Verbrauch von 22,7 kWh/100 Kilometer. Auf der Landstraße sind’s eher 19,5 kWh/100 km und auf der Autobahn 24 kWh/100 km. Das entspricht Real-Reichweiten von 450–550 Kilometern – also weit mehr als die meisten Blasen durchhalten.

Polestar 3 LRSM LR SM Long Range Single Motor test review fahrbericht
Photo © Raphael Gürth/autofilou.at

400 Volt Batteriearchitektur

Weil der Polestar 3 noch auf einer 400 Volt Batteriearchitektur beruht und die Gleichstromladeleistung deshalb bei maximal 250 kW liegt, dauert’s 30 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Die Konkurrenz, die zum Teil bereits auf 800 Volt setzt, lädt in nahezu der halben Zeit nach. „Solange Tesla Supercharger flächendeckend nicht mehr als 250 kW hergeben, sehe man keinen Mehrwert der 800-Volt-Technologie“, erklärt mir Polestar-Technikvorstand Lutz Stiegler im Interview, und weiter: „Denn die meisten Polestar-Fahrer laden eben an diesen Superchargern nach, wie interne Auswertungen ergeben haben, und zudem würde man etwas an Kapazität und somit an Reichweite verlieren.“ Hier darf man kritisch hinterfragen, ob es richtig und wichtig ist, das gesamte Jahr über eine 111 kWh große und dementsprechend Ressourcen-verbrauchende Batterie mitzuschleppen, nur um ein-, zweimal im Jahr mit ausreichend Reichweitenreserve in den Urlaub fahren zu können… Eine kleinere Batterie wird für den Polestar 3 leider (noch) nicht angeboten.

Viel Platz im Innenraum

An das Urlaubsziel würde man mit dem Polestar 3 Long Range Single Motor jedenfalls äußerst entspannt reisen. Er ist, dank doppelt verglaster Seitenscheiben leise, die vorderen Sitze sind hervorragend gepolstert, bieten ausreichend Beinauflagefläche und Seitenhalt, und sind je nach Materialwahl nicht nur beheiz- sondern auch belüftbar. Außerdem ist das Stahlfahrwerk – der Fahrzeuggattung entsprechend – eher komfortabel denn übertrieben hart ausgelegt. Und in der zweiten Reihe geizt der Polestar 3 nicht mit Raumangebot. Weil das Glasdach bis über die Fondpassagiere hinweg ragt, fühlt es sich hinten richtig luftig an. Einzig beim Kofferraumvolumen (484 l nach VDA, 90 Liter davon unterm Ladeboden) dürften es, der Fahrzeuggröße entsprechend, gern 100 Liter mehr sein. Immerhin bietet der acht Zentimeter flachere Polestar 4 bei sechs Zentimetern mehr Außenlänge ja auch 562 Liter Volumen an. Laut Lutz Stiegler ist dies vor allem auf die Unterschiede in der Fahrzeugbreite und der verwendeten Plattform zurückzuführen. Immerhin gibt’s im Polestar 3 einen mit 32 Liter brauchbareren Frunk als im Polestar 4 (15 l). Die Rücksitzbank ist übrigens zweigeteilt umlegbar und verfügt über eine kleine Skidurchreiche. Und wer das 6.000 Euro teure Plus-Paket ankreuzt, macht den Innenraum per 1.610 Watt starkem Bowers & Wilkins-Soundsystem mit 25 Lautsprechern nicht nur zum Dolby Atmos-Konzertsaal, sondern dank aktivem Gegenschall (engl. Active noise control, kurz ANC) auch noch mal eine Spur leiser. Dann sind auch Soft-Close-Türen, elektr. Lenksäule, ein Head-up-Display, eine wärmedämmende Windschutz- und eine schalldämmende Heckscheibe sowie ein PM-2,5-Luftfilter, beheizte Rücksitze und ein beheiztes Lenkrad an Bord.

Bedienung nahezu nur über Touchscreen

Die Bedienung der meisten Funktionen erfordert den aktiven Blick auf den 14,5 Zoll großen, vertikal stehenden Infotainment-Touchscreen. Also von der Spiegeleinstellung, bis zum Deaktivieren des Geschwindigkeitsüberschreitungswarners und der Einstellung der Rekuperation (3 Stufen inkl. One-Pedal-Driving), bis hin zur Klimaautomatik-Steuerung und dem Öffnen des Handschuhfachs braucht es den Touchscreen. Was ich persönlich nicht so tragisch finde, da so zum Beispiel das Handschuhfach immer sicher versperrt ist, wenn das Fahrzeug ausgeschaltet ist. Einzig bei der Klimaautomatik-Bedienung ist es mir nach wie vor ein Rätsel, warum ich zuerst die Temperatur anklicken muss, um ein kleines Untermenü aufgehen zu lassen, in welchem ich dann erst die Temperatur rauf oder runterstellen kann – und dann auch noch in nur 1-Grad-Celsius-Schritten und nicht in Halb-Grad-Schritten. Und wenn ich schon am Raunzen bin, dann lasst mich gleich berichten, dass zum Öffnen der hinteren Seitenscheiben einmal umgeschaltet werden muss, weil links vorne nur zwei statt vier Fensterheber verbaut sind. Was mir völlig unverständlich ist, denn im deutlich günstigeren Polestar 4 gibt es schließlich auch vier Fensterheber. Dafür glänzt der Polestar 3 mit neun Airbags und Höchstbewertungen beim Euro-NCAP-Crashtest.

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Photo © Polestar

Polestar 3 LRSM ab 79.800 Euro

Los geht’s in Österreich preislich bei 79.800 Euro. Damit ist der Polestar 3 Long Rang Single Motor wie schon erwähnt um 7.000 Euro günstiger als sein Dual Motor-Bruder. Für die motorbezogene Versicherungssteuer werden 886,26 Euro (2.449 kg, 132 kW) jährlich fällig. Wer jetzt im Sommer 2025 bestellt, erhält noch bis Jahresende seinen Wagen. Leider gibt es nur zwei Jahre Fahrzeuggarantie, dafür ist in dieser Zeit bzw. bis 30.000 Kilometer auch kein Service nötig. 28 Polestar-Partner, allesamt Volvo-Betriebe, bilden derzeit das Servicenetz in Österreich.

Polestar 3 LRSM PS3 Long Range Single Motor Präsentation
Picture © Polestar

Fazit

Vom Fahren her ist der Polestar 3 Long Range Single Motor über jeden Zweifel erhaben. Er rollt leise und komfortabel ab, lenkt agil ein und fährt dank gigantischer Batterie locker 450 Kilometer weit. Wer Wert auf Soft-Close-Türen, Dolby Atmos und erhöhtes Sitzen legt wird mit ihm glücklich werden. Allen anderen empfehle ich den deutlich günstigeren Polestar 4 (ab 59.990 €).

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Photo © Polestar
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