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AUFGEDECKT: Die „Spritspar-Heuchelei“ der Formel 1!

Seit Anfang dieser Saison gelten in der schnellsten Rennsportserie der Welt verschärfte Treibstoffregulierungen. Jedes Auto darf nur mehr 100 Kilogramm Rennbenzin (sind knapp 140 Liter Sprit) pro Rennen verbrauchen, mit einer Durchflussbegrenzung von 100 kg pro Stunde. Diese und weitere Maßnahmen, wie ein leistungsfähigeres Energie-Rückgewinnungssystem (ERS) sollen die Boliden umweltfreundlicher gestalten. Doch wie spritsparend ist …

Seit Anfang dieser Saison gelten in der schnellsten Rennsportserie der Welt verschärfte Treibstoffregulierungen. Jedes Auto darf nur mehr 100 Kilogramm Rennbenzin (sind knapp 140 Liter Sprit) pro Rennen verbrauchen, mit einer Durchflussbegrenzung von 100 kg pro Stunde. Diese und weitere Maßnahmen, wie ein leistungsfähigeres Energie-Rückgewinnungssystem (ERS) sollen die Boliden umweltfreundlicher gestalten. Doch wie spritsparend ist das System F1 tatsächlich?

„Grüner Daumen“ einer verkohlten Hand
Der Grundgedanke von Formel 1-Boss Bernie Ecclestone ist an sich nicht verkehrt, greift aber nicht das größte Potential auf. So werden zwar die Effizienz der neuen V6-Turbomotoren sowie die Energierückgewinnung über Bremsenergie und Motorwärme gesteigert, im Endeffekt bleibt es aber ein Tropfen auf dem heißen Stein. Den viel größeren Anteil an Luftverschmutzung produziert die Logistik der Formel 1 aufgrund der Reisewege infolge des Terminkalenders. Dazu eine Auflistung der einzelnen Stopps im Rennkalender mit Reisekilometern:

Nr.
Grand Prix
Austragungsort
Datum
Reisekilometer
1
Australien
Melbourne
16.03.
2
Malaysien
Kuala Lumpur
30.03.
6.400 km
3
Bahrain
Sakhir
06.04.
6.100 km
4
China
Shanghai
20.04.
6.900 km
5
Spanien
Katalonien
11.05.
9.900 km
6
Monaco
Monte Carlo
25.05.
500 km
7
Kanada
Montréal
08.06.
6.200 km
8
Österreich
Spielberg
22.06.
6.500 km
9
England
Silverstone
06.07.
1.400 km
10
Deutschland
Hockenheim
20.07.
900 km
11
Ungarn
Budapest
27.07.
900 km
12
Belgien
Spa-Francorchamps
24.08.
1.100 km
13
Italien
Monza
07.09.
700km
14
Singapur
Singapur
21.09.
10.300 km
15
Japan
Suzuka
05.10.
5.100 km
16
Russland
Sotschi
12.10.
8.000 km
17
Vereinigte Staaten
Austin, TX
02.11.
10.800 km
18
Brasilien
São Paulo
09.11.
8.200 km
19
Abu Dhabi
Yas Marina
23.11.
12.200 km
Gesamt:
102.100 km
Dies ergibt eine Gesamtflugstrecke von 102.100 Kilometern. Natürlich können Teams auch mit Transportwägen oder Fähren zu nahegelegenen Austragungsorten der Rennen gelangen. Da kommt einem Großteil der Teams ihr Firmensitz in Europa entgegen, wo immerhin acht von 19 Rennen ausgetragen werden. Mit den Reisestrapazen zwischen Flughäfen und Rennstrecken kommt jedes Team pro Jahr laut offizieller Homepage auf unglaubliche 160.000 Kilometer Transportweg.

aktueller Formel 1-Rennkalender 2014 | Karte © maps.google.com, edited by autofilou.at!
aktueller Formel 1-Rennkalender 2014 | Karte © maps.google.com, edited by autofilou.at!

Partnerschaft mit DHL seit 2004
Besonders in Übersee und Asien ist der offizielle Logistikpartner der Rennsportserie gefordert. Hier müssen schon mal 30 bis 40 Tonnen Material pro Team in einer Woche transportiert werden. Neun Kilometer Datenkabel, 120 Kisten Ausrüstung, 3.000 Flaschen Mineralwasser, 90 Liter Motoröl, 60 Liter Getriebeöl, 40 Liter Hydrauliköl und 15 Liter Kühlflüssigkeit zählen zur Grundausstattung jedes Teams. Diese werden in bis zu 12 Lastwägen pro Team oder Cargo-Flugzeugen an ihren Zielort transportiert. Wird ein Aerodynamik-Paket erst kurz vor dem Rennwochenende fertiggestellt, kann sogar eine Expresslieferung angefordert werden. Diese erreicht die Rennstrecke mit On-Board-Kurier innerhalb von 24 Stunden.
Stau im Fahrerlager
Ein Großteil der Lastwägen dient den Teams als Unterkunft für Fahrer, Ingenieure, Manager und Boxencrew. Aus Platzmangel dürfen ins „Paddock“ jedoch nur 3 Trucks pro Team: Der erste dient dabei als Besprechungszimmer für Strategien und Taktiken, sowie als IT-Zentrale. Von hier aus wird die Kommunikation zwischen den einzelnen Workforces im Team koordiniert. Der zweite Lastwagen ist das Rückzugsgebiet für die Bastler im Team. Hydraulik und Elektronik werden in diesem fahrbaren Labor von den Ingenieuren bearbeitet und überwacht. Das dritte Fahrzeug im Fahrerlager dient zumeist ausschließlich als Ersatzteil-Lager. Bauteile, die die Mechaniker immer schnell zur Hand haben müssen, sind hier verstaut. Dazu zählen diverse Aerodynamik-Teile wie Front- und Heckflügel.
Halbierung des Transportweges!
Legt man im Rennkalender die Strecken auf Grund der geringsten Distanz zum vorhergegangenen Grand Prix aus, so erhält man eine gänzlich neue Abfolge. Nach den Asien-Rennen ginge es in die Wüste, danach zur neuen Strecke in Sotschi und anschließend weiter nach Europa. Auf den alten Kontinent folgen Montreal und Indianapolis. Das Saisonfinale fände somit im brasilianischen São Paulo statt.

Nr.
Grand Prix
Austragungsort
Datum
Reisekilometer
1
Australien
Melbourne
16.03.
2
Singapur
Singapur
30.03.
6.100 km
3
Malaysien
Kuala Lumpur
06.04.
400 km
4
China
Shanghai
20.04.
3.800 km
5
Japan
Suzuka
11.05.
1.500 km
6
Abu Dhabi
Yas Marina
25.05.
7.900 km
7
Bahrain
Sakhir
08.06.
500 km
8
Russland
Sotschi
22.06.
2.200 km
9
Ungarn
Budapest
06.07.
1.700 km
10
Österreich
Spielberg
20.07.
400 km
11
Deutschland
Hockenheim
27.07.
600 km
12
Belgien
Spa-Francorchamps
24.08.
300 km
13
England
Silverstone
07.09.
600 km
14
Italien
Monza
21.09.
1.100 km
15
Monaco
Monte Carlo
05.10.
300 km
16
Spanien
Katalonien
12.10.
600 km
17
Kanada
Montreal
02.11.
6.000 km
18
Vereinigte Staaten
Austin, TX
09.11.
2.800 km
19
Brasilien
São Paulo
23.11.
8.200 km
Gesamt:
45.000 km

Durch die Umstrukturierung des Streckenverlaufs lässt sich die zurückzulegende Reisestrecke von über 102.000 Kilometer auf 45.000 Kilometer reduzieren. Auffallend ist die Reise zum Rennen im kanadischen Montreal zwischen zwei europäischen Rennen. Unglaublich ist auch die Distanz der aktuell letzten vier Rennen: Mehr als 39.000 Kilometer muss dabei jedes einzelne Team zurücklegen. Eine Erdumrundung sind bloß ein paar Kilometer mehr! Natürlich ist die Reduzierung des Kraftstoff-Verbrauchs nicht das primäre Ziel der F1. Durch diese Regeländerung wird in erster Linie die Automobilbranche und somit der Verbraucher von hochentwickelten Motoren profitieren. Schließlich wollen Ferrari, Mercedes und Co. ja früher oder später ihre Entwicklungen in die Serienfahrzeuge übertragen.

optimierter Formel 1-Rennkalender 2014 | Karte © maps.google.com, edited by autofilou.at!
optimierter Formel 1-Rennkalender 2014 | Karte © maps.google.com, edited by autofilou.at!

Klimatische Einflüsse
Generell muss sich die Formel 1 nach den Veranstaltern der Rennstrecken und deren freien Wochenenden im Kalender richten. Ecclestone und Co. genießen aber nicht zu unrecht einen gewissen Promibonus, der ihnen Priorität einräumt. Kann der durchaus wirre Ablauf der Rennen also vielleicht einen klimatischen Hintergrund haben?
Das Nacht-Rennen in Singapur würde sich durch die neue Abfolge in den März verschieben. Hier gäbe es bei gleicher Durschnittstemperatur von 30 °C zwei Sonnenstunden pro Tag mehr. Ebenso würde Suzuka vom Oktober in den Mai rutschen. Zu diesen Zeiten regnet es dort bei durchschnittlich 23 °C um 50 Liter pro Quadratmeter weniger. Der Grand Prix von Abu Dhabi würde nun Ende Mai bei 40 °C (statt 25°C im November) über die Bühne gehen. Die Belastung der Boliden wäre ohne einen Regentropfen, dafür aber bei schwachem Wind, in Abu Dhabi und Bahrain am höchsten. Beim Rennen in Sotschi würde sich die Verlegung kaum auf Temperatur und Wind auswirken. Der Klassiker in Monaco fände im September (statt im Mai) statt. Hier wäre es zwar mit 25 °C nur um 5 Grad wärmer, die zu der Zeit um 30 auf 80 Liter pro Quadratmeter steigende Niederschlagsmenge spricht jedoch gegen eine Verschiebung. Bei milden 15 statt 25 °C könnten die Autos in Montreal aufheulen. Das wäre in Kanada aber auch schon – bei gleicher Windstärke und Niederschlagsmenge – die einzige Veränderung.
Folglich wären bei wenigen Ausnahmen auch die klimatischen Gegebenheiten für eine Optimierung der Streckenabfolge passend. Den in Asien wehenden Monsunen könnte auch ausgewichen werden, und da man das Wetter so oder so nicht kontrollieren kann bleibt in beiden Fällen ein gewisses Restrisiko.

MotoGP sparsamer?
Der MotoGP-Kalender hält ähnliche Überraschungen bereit. Anfang und Ende der Saison halten, nicht nur durch die aufgebaute Spannung sondern auch durch die Transportwege, Strapazen für die Teams bereit. So steigen die ersten vier Rennen auf ebenso vielen Kontinenten. Die rund 34.500 Kilometer zum Saisonabschluss in den letzten fünf Entscheidungen über drei Kontinente, runden die logistische Geld- und Benzin-Verschwendung ab.
aktueller MotoGP-Rennkalender 2014 | Karte © maps.google.com, edited by autofilou.at!
aktueller MotoGP-Rennkalender 2014 | Karte © maps.google.com, edited by autofilou.at!

Doch auch dieser Kalender lässt sich optimieren und die Distanzen somit minimieren. Durch die große Anzahl an europäischen Rennen (12) in diesem Wettbewerb, lassen sich viele Flugmeilen durch einen Umstieg von den Cargo-Flugzeugen sparsamere Lastwägen ummünzen.

optimierter MotoGP-Rennkalender 2014 | Karte © maps.google.com, edited by autofilou.at!
optimierter MotoGP-Rennkalender 2014 | Karte © maps.google.com, edited by autofilou.at!

Fazit
Was bleibt, ist ein ungenütztes Potential, mit dem die Formel 1 und die MotoGP nicht nur die Luftverschmutzung verringern, sondern auch eine Vorbildwirkung erzeugen könnten. Zwar wird durch die Motorenentwicklungen langfristig die Umwelt entlastet, der Ruß durch die Transportkilometer der Logistik bleibt unterm Strich aber bestehen. Beide Rennserien könnten sich an der im Herbst 2014 startenden Formula Electric ein Beispiel nehmen:

Formula Electric-Rennkalender 2014/15 | map edited by autofilou.at!
Formula Electric-Rennkalender 2014/15 | map edited by autofilou.at!

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