Formel E Berlin: Tempelhof wird zur Bühne für Taktik, Tempo & Titelkampf
Am ehemaligen Flughafen Tempelhof zeigte die Formel E Berlin einmal mehr, warum sie zu den spannendsten Rennserien der Gegenwart zählt. Der Doubleheader bot zwei unterschiedliche Rennen und packende Duelle. Zwischen rauem Beton, Windschattenschlachten und ausgeklügeltem Energiemanagement wurde klar: In der Formel E gewinnt nicht nur der Schnellste – sondern der Klügste.Doubleheader in Berlin bringt spektakuläre Duelle und clevere Strategien
Der alte Flughafen Berlin Tempelhof hat schon viel gesehen – Luftbrücke, Stilllegung, Kultur-Events. Doch vergangenes Wochenende wurde das riesige Areal danke der Formel E Berlin wieder zur Bühne für Geschwindigkeit, Strategie und elektrische Spannung: Die ABB FIA Formula E World Championship gastierte zum „Doubleheader“ in der deutschen Hauptstadt und markierte damit nicht nur die Saisonhalbzeit, sondern auch einen ersten echten Gradmesser im Titelkampf.
Tempelhof: Beton, Windschatten und Taktik
Der 2,3 Kilometer lange Tempelhof Street Circuit zählt zu den schnellsten Strecken im Kalender. Der raue Beton fordert Mensch und Material, die flache Topografie und langen Geraden ermöglichen Windschattenduelle und spektakuläre Überholmanöver. Bis zu 250 km/h erreichen die Boliden hier.

Was die Formel E dabei so besonders macht: ihre technische Komplexität. Rund 45 Prozent der Energie holen sich die Fahrzeuge während des Rennens selbst zurück – durch Rekuperation. Das führt zu einem kuriosen Effekt: Nach 45 Rennminuten sind die mechanischen Bremsen oft noch kalt. Wer hier erfolgreich sein will, muss nicht nur schnell fahren, sondern vor allem effizient denken.
Formel E Berlin: Zwei Rennen, zwei Philosophien
Das Berliner Wochenende bot zwei unterschiedliche Rennformate. Am Samstag mussten alle Fahrer einen Pflichtboxenstopp einlegen – den sogenannten „Pit Boost“. Für 30 Sekunden wurden die Autos mit 600 kW geladen, rund vier kWh Energie flossen dabei zurück in die Batterie. Zusätzlich stand der Attack Mode nur einmal zur Verfügung.

Am Sonntag hingegen: kein Boxenstopp, dafür mehr taktische Freiheit. Acht Minuten Attack Mode – aufgeteilt auf zwei Aktivierungen – brachten jeweils 50 kW Extra-Power an der Vorderachse. Das Ergebnis: noch mehr Positionskämpfe und ein Rennen, das bis zur Zielflagge offen blieb.
Reifen, Gefühl und Millimeterarbeit
Eine oft unterschätzte Komponente: die Reifen. In der Formel E gibt es Einheitsreifen – Allwetter-Pneus, die das ganze Jahr über eingesetzt werden. Lieferant ist heuer Hankook mit dem iOn-Modell.
Gerade bei der Formel E Berlin wird das zur Herausforderung. Der abrasive Untergrund verlangt maximale Präzision, gleichzeitig ist das optimale Fenster für Temperatur und Luftdruck sehr schmal. Nur drei Reifensätze stehen an diesem Wochenende pro Auto zur Verfügung.

Stellantis mischt kräftig mit
Ein zentraler Player im Feld ist der Stellantis-Konzern. Diese Saison treten die Marken DS-Penske und Citroën Racing an. In der nächsten Saison übernimmt Opel (Sophia Flörsch ist Testfahrerin), während sich DS dem Segelsport widmet.
Für Nick Cassidy (Citroën Racing) verlief das Wochenende durchwachsen: Platz zwei am Samstag, null Punkte am Sonntag – trotz seiner bisherigen Berlin-Dominanz. Beim Team DS-Penske, die mich nach Berlin einluden, blieb es ebenfalls schwierig: Maximilian Günther (Deutschland) ging leer aus, während Taylor Barnard (Großbritannien) zumindest vier Punkte holen konnte. Grund zur Freude hatte hingegen der Deutsche Pascal Wehrlein im Porsche-Cockpit: Mit Platz drei am Sonntag übernahm er die Führung in der Weltmeisterschaft.

Formel E Berlin: Motorsport zum Anfassen
30.000 Fans sorgten bei strahlendem Wetter für eine beeindruckende Kulisse, die Tribünen waren voll. Die Formel E punktet dabei nicht nur sportlich, sondern auch durch ihre Nähe zum Publikum: günstige Tickets, zugängliche Boxengassen und eine Geräuschkulisse, die echte Gespräche auf der Tribüne erlaubt. Außerdem bleibt das Fahrerfeld bleibt bis zum Rennende eng zusammen, Strategien variieren stark – und genau das sorgt für die vielen Positionswechsel, die diese Serie so sehenswert machen.

Blick in die Zukunft: GEN4 kommt
2027 wird die nächste Evolutionsstufe gezündet. Die GEN4-Boliden bringen bis zu 816 PS, permanenten Allradantrieb, verbesserte Rekuperation (max. 700 kW) und variable Aerodynamik. Schon jetzt zeigt die Entwicklungskurve steil nach oben – von den frühen GEN1-Autos mit Autowechsel während des Rennens bis zu den heutigen Hightech-Rennmaschinen.



Fazit: Formel E Berlin als Wendepunkt der Saison?
Die Formel E ist längst mehr als nur ein Experiment. Sie ist ein ernstzunehmender Motorsport – technologisch spannend, taktisch anspruchsvoll und für Fans überraschend nahbar. Die Formel E Berlin hat einmal mehr gezeigt, wie eng Performance und Strategie im elektrischen Motorsport zusammenliegen. Das Feld bleibt dicht, die Unterschiede entstehen im Detail – und genau das macht den Reiz dieser Serie aus.
Mit Blick auf die zweite Saisonhälfte bleibt der Titelkampf offen. Doch das Wochenende in Tempelhof könnte sich rückblickend als entscheidender Wendepunkt herausstellen.
Das nächste Kapitel? Auf die Formel E Berlin folgt ein weiteres Doubleheader-Wochenende – diesmal im Fürstentum Monaco.
Die Entwicklung der Formel E-Rennfahrzeuge:
GEN1 (2014–2018)
- 200 kW/272 PS
- Heckantrieb
- 3,1 s/0–100 km/h
- ~225 km/h
- 28 kWh (200 kg; 1.000 V)
- Autowechsel während Rennen, wegen begrenzter Batterieleistung
- Max. Rekuperation: 150 kW
GEN2 (2018–2022)
- 250 kW/340 PS
- Heckantrieb
- 2,8 s/0–100 km/h
- >280 km/h
- 54 kWh (netto; 300kg; 900 V)
GEN3 (2023–2026)
- 350 kW/476 PS
- 1,9 s/0–100 km/h
- >320 km/h
- 38,5 kWh (netto; 900 V)
- 863 kg
- Allradantrieb (50 kW vorne, 300 kW hinten)
- Max. Rekuperation: 600 kW (250 kW vorne, 350 kW hinten)
GEN4 (2027–2030)
- 600 kW/816 PS
- 1,8 s/0–100 km/h
- 4,4 s/0–200 km/h
- >335 km/h
- 950 kg
- 55 kWh (von Podium Advanced Technologies aus Italien)
- Max. Rekuperation: 700 kW
- Permanenter Allradantrieb
- Variable Aerodynamik
- Auto zu 100 % recyclebar