Mercedes-Benz: 1 Milliarde in ungarisches Werk investiert!
Angesichts des zunehmenden Wettbewerbsdrucks durch internationale Hersteller und der Herausforderungen der Transformation zur Elektromobilität richtet Mercedes-Benz seine Produktionsstrategie neu aus. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Werk in Kecskemét, Ungarn, das durch eine milliardenschwere Erweiterung zum größten Standort Europas ausgebaut wird.Mercedes-Benz erweitert Produktion in Kecskemét, Ungarn!
Wolken ziehen auf: Wie alle deutschen Automobilhersteller, so steht auch Mercedes-Benz dieser Tage in einem harten Wettkampf. Entlassungen hier, Mehrarbeit dort – posaunen Tageszeitungen und Fachmedien nahezu wöchentlich. Chinesische Hersteller gewinnen mehr und mehr Boden in Europa. Unschöne Zeiten für die europäische Autoindustrie. Der Stuttgarter Premiumhersteller verstärkt nun den Weg, der unumgänglich scheint: Die Stärkung billigerer Standorte. Im jüngsten Fall die des ungarischen Mercedes-Benz Werk Kecskemét, deren feierlicher Eröffnung ich ihm Beisein politischer Gäste beiwohnen durfte.

400.000 Autos/Jahr aus Mercedes-Benz Werk Kecskemét
Eine Milliarde Euro haben die Schwaben seit 2022 in die Werkserweiterung in der Universitätsstadt gesteckt, damit die Fläche von 200 auf 440 Hektar mehr als verdoppelt (Das Fürstentum Monaco ist flächenmäßig nur halb so groß!) und die Produktionskapazität auf 400.000 Fahrzeuge pro Jahr gehoben. Damit wird der Standort, an dem 5.000 Menschen arbeiten, zur größten Produktionsstätte von Mercedes-Benz in Europa und zur zweitgrößten weltweit. Darüber freut sich auch der amtierende Ministerpräsident Ungarns, Péter Magyar, der die erste Minute seiner Rede in überraschend einwandfreiem Deutsch abgehalten hat (Hut ab!), denn damit stärkt Mercedes-Benz Ungarns globalen Platz in Sachen Fahrzeugproduktion gewaltig.

Während in der bestehenden Halle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und batterieelektrische Modelle flexibel auf einer Linie produziert werden, ist die neu entstandene Halle, genannt „Südwerk“, effizient auf die Produktion von vollelektrischen Fahrzeugen ausgerichtet. Hier bereitet man gerade den SOP (Start of Production, z. Dt.: Produktionsstart) der neuen, vollelektrischen C-Klasse vor. Ja, DER Mercedes schlechthin wird künftig neben der aktuellen A-Klasse, die noch etwa zwei Jahre weiterleben darf, und dem neuen GLB dreieinhalb Autostunden von Wien auf die Räder gestellt, statt wie bislang im Werk in Bremen.
„Die neue Montagehalle, in der wir uns im Augenblick gerade befinden, ist reinrassig ausgelegt auf Elektrofahrzeuge, mit dem maximalen Fokus auf Effizienz.“ und weiter: „Wir werden im Gegensatz zum Nordwerk, wo wir Elektro und Verbrenner hochflexibel auf einer Fertigungslinie bauen können, uns hier [Anm.: im neuen Südwerk] auf das Thema Elektromobilität fokussieren.“
Christian Dickert, Standortverantwortlicher Mercedes-Benz Werk Kecskemét
Ungarn bietet sich an, weil das 70 Prozent an Fertigungskosten spart, wie Mercedes-Benz Vorstandsmitglied Michael Schiebe später am runden Tisch bestätigt. Daher ist auch der Entschluss gefallen, den noch 2026 anlaufenden, „kompakten G“ und, aufgrund der hohen Nachfrage, künftig auch den GLC in Ungarn zu fertigen.

„Die Zusammensetzung möchte ich Ihnen nicht genau erklären, aber die 70 Prozent sind korrekt.“ und weiter „Arbeitskosten spielen eine Rolle, wir rechnen dort auch Energiekosten ein, aber auch zum Beispiel die Arbeitszeit, die ein Mitarbeiter hier bereitstellt in Ungarn versus beispielsweise Deutschland, die ist signifikant höher hier.“ sowie „Man muss nur allein die zusatzfreien Tage, die wir in Deutschland haben, die auch tariflich geregelt sind – macht einen großen Unterschied aus. Und nicht zu vergessen ist auch das Thema Krankenfehlstand, den wir in Deutschland auf einem anderen Niveau erleben als beispielsweise hier in Ungarn. Und das rechnen wir alles zusammen und dadurch ergeben sich diese 70 Prozent Faktorkostenunterschied.“
Michael Schiebe, Mitglied des Vorstands der Mercedes-Benz Group AG, Produktion, Qualität und Supply Chain Management
Die Fertigung der neuen C-Klasse
1.200 Industrieroboter Biegen, Kleben und Schweißen im 65.000 Quadratmeter großen Rohbau die Karossen der neuen C-Klasse. Diese brauchen viel Energie, die zu 25 Prozent aus Sonnenstrom gewonnen wird. Gemeinsam mit den bestehenden Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Hallen, sowie den im Westen des Werks auf einer Freifläche von 240.000 Quadratmetern installierten PV-Modulen, erreicht das Werk eine Peak-Leistung von 42,3 MW. Zugleich benötigt die ebenfalls neue, 50.000 Quadratmeter große Lackierhalle 20.000 MWh weniger Energiebedarf als vergleichbare Lackierhallen und spart 80 Prozent an CO2 ein. Das ist unter anderem auf die Reduktion des Wasserbedarfs um zwei Drittel und Abfallvermeidung zurückzuführen. 15 Kilogramm Lack schmücken eine elektrische C-Klasse, die es – entgegen dem BMW i3 – künftig leider nur noch als Limousine geben wird, am Ende. An 245 Stationen wird die C-Klasse danach in der 620 Meter langen, voll digitalisierten Montagehalle (Stichwort: Digital Twin) fertig zusammengestellt. Die abschließende Kontrolle – zum Beispiel die des Innenraums – wird ebenso von Robotern durchgeführt. „AI Vision“ nennt Mercedes-Benz das System, das zuerst in Bejing zum Einsatz kam und in Kecskemét gerade die Europaeinführung erlebt.



Der 550 Kilogramm schwere, aus vier Modulen bestehende Energiespeicher der vollelektrischen C-Klasse wird in der neuen, 360 Meter langen Batteriemontage (65.000 m²) zusammengesetzt und nach dem Verkleben mit Helium auf Leckagen geprüft. Die Versorgung mit ausreichend Helium könnte durch den Iran-Krieg im wahrsten Sinne dünn werden. Dasselbe gilt für die NMC-Zellen der großen 94,5-kWh-Batterie. Diese kommen von Zulieferer CATL in Debrecen, Ungarn, sofern keine Lieferschwierigkeiten auftreten. Dies ist gerade der Fall, weshalb derzeit Zellen aus China bezogen werden. Die kleinere, aber gleichschwere LFP-Batterie (64,6 kWh) ist mutmaßlich mit Zellen von BYD bestückt.



Fazit
Mit dem Ausbau des Mercedes-Benz Werk Kecskemét verfolgt die Marke mit dem Stern zwei Ziele: die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch kostengünstigere Produktion sowie die Beschleunigung der Transformation zur Elektromobilität. Gleichzeitig betont das Unternehmen, trotz Produktionsverlagerungen weiterhin am Standort Deutschland festhalten und dort Beschäftigung sichern zu wollen. Deshalb hält es Michael Schiebe auch für den richtig Weg, in Deutschland mehr zu arbeiten für denselben Lohn:
„Wir sehen darin den besseren Weg, weil man nicht den Menschen unmittelbar in die Tasche greifen muss und Leistungen entsprechend kürzen muss, sondern wir sagen, wir bekennen uns zum Standort Deutschland, wir wollen am Standort Deutschland erfolgreich sein und was ist das Beste, was wir tun können? Wir können die Ärmel hochkrempeln und versuchen das gemeinsam zu machen.“
